Als Fernlehrerin beim ILS in Hamburg habe ich es gemerkt: Der Lockdown durch Corona ist eine gute Möglichkeit, seine beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten zu erweitern und einen zusätzlichen Abschluss oder ein neues Zertifikat zu erlangen. Gerade in den letzten Wochen erreichen mich überdurchschnittlich viele Einsendeaufgaben von Fernlernenden, die die „Zwangspause“ möglichst sinnvoll nutzen möchten. Wenn man schon mit den Kindern „Homeshooling“ betreibt, warum soll man da nicht mit gutem Beispiel vorangehen und ebenfalls lernen. Ein zertifizierter Fernlehrgang oder gar ein komplettes Fernstudium erfolgt in der Regel über eine bestimmte Anzahl zugesandter Studienhefte, die selbstständig durchgearbeitet werden. Zum Abschluss eines jeden Heftes werden Einsendeaufgaben bearbeitet und die Lösungen online oder per Post zur Korrektur vorgelegt. Bei vielen zertifizierten Kursen wird darüber hinaus – meist am Kursende – ein Präsenzseminar angeboten.

Fernlehrgänge oder Fernstudien gibt es in unzähligen Facetten: entweder zum Nachholen eines Schulabschlusses (z. B. um eine Fach-/Hochschulreife zu erlangen, komplette Studiengänge oder auch Zertifizierungslehrgänge als Fachkraft auf unterschiedlichen Gebieten. Für pädagogische Fachkräfte finde ich derzeit insbesondere Lehrgänge zum Thema Inklusion und inklusives Arbeiten oder auch zum Thema Sprachentwicklung und alltagsintegrierte Sprachbildung besonders wichtig.

Welche Vor- und Nachteile solch ein Fernlehrgang oder ein Fernstudium mit sich bringt, soll im Folgenden kurz aufgelistet werden.

Vorteile eines Fernlehrgangs

  • Große Vereinbarkeit von Studium, Berufstätigkeit und Familie
    In der Regel ist ein Fernlehrgang neben einer beruflichen Tätigkeit und auch neben einer Familie – selbst mit kleinen Kindern – möglich. Der Aufwand ist zwar nicht zu unterschätzen, aber gerade die Abwechslung, die die verschiedenen Aufgaben (Familie, Beruf, Studium) stellen, wird von vielen Fernlernenden als positiv beschrieben, denn abwechselnde Herausforderungen halten uns fit. Klappt es in einem Bereich mal nicht so wie gewünscht, kann man sich über Erfolgserlebnisse in einem anderen Bereich wieder motivieren.
  • Hohe Flexibilität
    Einen weiteren Vorteil stellt die hohe räumliche und zeitliche Flexibilität dar. Ein Fernstudium – also das Bearbeiten der Studienhefte und das Lösen von Einsendeaufgaben können Sie so gut wie überall durchführen … in Ihrer Wohnung, in einem Café, auf der Wiese – jedenfalls nach Kontaktsperre und Ausgangsbeschränkungen durch Corona. Sie bestimmen aber nicht nur das „Wo“ des Lernens sondern auch das „Wann“ und vor allem das „Wie schnell“. Übrigens: auch der Beginn Ihres Fernstudiums liegt meist in Ihren Händen. Das heißt, wenn Sie heute motiviert sind, müssen Sie nicht warten, bis irgendwann ein Lehrgang startet.
  • Volle Anerkennung des Abschlusses
    Abschlüsse von zertifizierten Fernlehrgängen oder von Fernstudiengängen sind anerkannt. Und darüber hinaus anerkennen viele Arbeitgeber ein erfolgreich abgeschlossenes Fernstudium, denn ein Fernstudium neben dem Beruf zu absolvieren, erfordert ein hohes Maß an Disziplin, Motivation, Belastbarkeit, Organisationstalent und Zeitmanagement sowie Durchhaltevermögen. Alles Eigenschaften, die auch Arbeitgeber bei ihren Angestellten gerne sehen.
  • Förderung des Fernlehrgangs sind möglich
    Genau wie Teilnehmer eines Präsenzstudiengangs können Fernstudierende zahlreiche Fördermöglichkeiten in Anspruch nehmen. Dazu gehören z. B. Bildungsgutscheine der Arbeitsagentur, Studienkredite und Stipendien und für schulische Abschlüsse auch BAföG.

Nachteile eines Fernlehrgangs

Neben diesen vielfältigen Vorteilen, kann ein Fernlehrgang oder gar ein mehrjähriges Fernstudium aber auch Nachteile mit sich bringen.

  • Zu viel Flexibilität – zu wenig Struktur
    Die Flexibilität, die weiter oben als Vorteil eines Fernstudiums genannt wurde, kann aber auch ein Nachteil sein. Der eine braucht Flexibilität zum Lernen, der andere braucht Verbindlichkeiten und klare Strukturen. Es ist nicht jedermanns Sache, in Eigenregie zu Hause zu lernen. Vielleicht sind Sie der Lerntyp, der gerne einen Klassenverbund hat und Verbindlichkeit (Zeit und Ort) zum Lernen braucht. Das ist nicht besser oder schlechter, sondern Typsache und auf jeden Fall sollten Sie genau diesen Punkt berücksichtigen, wenn Sie über ein Fernstudium nachdenken.
  • Zu viel Ablenkung
    Wer kennt das nicht: Man ist einen Tag zu Hause und die Liste der Dinge, die man tun möchte (oder muss) ist lang. Wenn nur nicht die Ablenkungen wären … Das Problem kennen auch viele Fernlernende. Man nimmt sich ein neues Studienheft zur Hand und beginnt mit dem Lesen. Ein kurzer Blick aus dem Fenster zeigt den schönsten Sonnenschein – eigentlich ideal zum Trocknen der Wäsche. Und schon sitzt der Gedanke im Kopf und lässt einen nicht mehr los, bevor man nicht an der Waschmaschine war und die frischgewaschene Wäsche rausgehängt hat. Also gut – jetzt aber: Man nimmt das Studienheft erneut zur Hand und merkt aber, dass es gar nicht mehr lange ist, bis das Mittagessen auf dem Tisch stehen muss – und die Kinder sind auch so verdächtig still, … Diese Liste ist beliebig fortsetzbar.
  • Hohes Maß an Eigeninitiative nötig
    Für ein erfolgreiches Fernstudium ist ein ganz besonders hohes Maß an Selbstdisziplin und Engagement und auch ein stückweit Egoismus nötig, um den selbstgewählten Lernthythmus einhalten zu können. Es gibt keinen Stundenplan. Lernzeiten müssen eigenständig geplant und organisiert werden. Da Sie alleine lernen, müssen Sie auch alleine die Motivation aufbringen, sich immer wieder an die Studienhefte zu setzen. Auch für das Verstehen von Lerninhalten sind Sie zuallererst selbst verantwortlich. Das heißt, Sie müssen erkennen, wenn Sie Hilfe brauchen und diese einfordern – Die meisten Fernlern-Institute und Akademien haben mittlerweile Onlineplattformen, über die Fernlernende jederzeit Fachfragen stellen oder Hilfe bei Verständnisproblemen einfordern können. Dies im richtigen Moment zu tun, gehört auch zu einem erfolgreichen eigenen Bildungsmanagement.
  • Wenig Kontaktmöglichkeiten
    Ach ja, und auch dies kann ein Fernstudium für den einen oder anderen uninteressant werden lassen: Man lernt, studiert und arbeitet überwiegend alleine. Zwar bieten die verschiedenen Fernlern-Institute mittlerweile Onlineplattformen, über die man sich vernetzen könnte, allerdings weiß man ja kaum, wer im selben Lehrgang studiert. Auch auf die typischen studentischen „Ablenkungen“ wie z. B. das Treffen auf einen Latte Macchiato oder einen Tee, die gemeinsamen Besuche von Studentenpartys oder das Bier in einer Studentenkneipe vor Ort, fallen für Fernlernende zumeist weg.

Wie sie gesehen haben, bietet das Fernstudium zahlreiche Vorteile, insbesondere die hohe zeitliche und örtliche Flexibilität und die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit dem Studium. Wer jedoch zusätzlich den direkten Kontakt zu den Mitstudierenden haben möchte und einen größeren Anteil an festen Strukturen benötigt, um erfolgreich lernen zu können, der könnte besser in einem Präsenzlehrgang mit Selbstlernanteilen aufgehoben sein.

Ein Präsenzlehrgang mit Selbstlernanteil

Mittlerweile gibt es aber auch die Möglichkeit, einen zertifizierten Kurs oder Lehrgang zu besuchen, der aus mehreren aufeinander aufgebauten Präsenzmodulen und (mindestens) einem Selbstlernblock bestehen. Diese Variante ist besonders für diejenigen interessant, die einerseits Zeit haben, regelmäßig Seminare zu besuchen – oder sogar Bildungsurlaub vom Arbeitgeber bekommen – und andererseits das gemeinsame Lernen, das direkte Miteinander, die Gruppenarbeit mit viel Austauschmöglichkeit mögen und die Strukturierung des Lehrstoffes durch den Dozenten bevorzugen.

Ein Beispiel für einen solchen Zertifikatslehrgang ist der vom Paritätischen Dienst NRW angebotene Lehrgang „Fachkraft für alltagsintegrierte Sprachbildung“.

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