Wie kann der Kita-Alltag so gestaltet werden, dass auch die Kinder, die nur über wenige oder auch über noch gar keine Deutschkenntnisse verfügen, möglichst umfassend und selbstbestimmt teilhaben können. Wie kann man speziell diesen Kindern gerecht werden, wenn das wichtigste Kommunikationsmittel – nämlich die Sprache – fehlt?

In diesem Beitrag sollen einige Aktivitäten und Gestaltungselemente vorgestellt werden, die es Kindern mit einer anderen als der deutschen Muttersprache erleichtern können, umfassend am Kindergartenleben teilnehmen zu können und dabei seine deutsch-sprachigen Kompetenzen Schritt für Schritt zu erweitern.

Fachkräfte als deutsch-sprachiges Vorbild

Eines vorneweg: Erzieherinnen und Erzieher sollten bei allem Verständnis für die Wichtigkeit der Erstsprache des Kindes darauf achten, im Umgang mit den Kindern vom ersten Tag an überwiegend deutsch zu sprechen. Für deutsch sprechende Fachkräfte ist dies sicher keine große Herausforderung. Wenn aber eine pädagogische Fachkraft die Erstsprache des Kindes versteht und vielleicht selbst in der häuslichen Kommunikation nutzt, kann er schwierig sein, nicht einfach in die Sprache „zu rutschen“, die auch das Kind versteht. Gerade in der Eingewöhnungsphase,  in der es ja um Emotionalität und Nähe und um den Aufbau einer tragfähigen Beziehung geht, kann eine gemeinsame Sprache den Zugang zum Kind vereinfachen.

Allerdings: Was anfangs als gut gemeinte Hilfe gedacht ist, könnte sich letztendlich aber als Nachteil herausstellen, denn Kinder „lernen“ sehr schnell, mit wem sie in welcher Sprache sprechen können. So fällt diesen Kindern die Umstellung auf die deutsche Sprache im Nachhinein oft deutlich schwerer.

Dabei spielt aber nicht nur der Fakt eine Rolle, dass die Fachkräfte auf deutsch sprechen, sondern es kommt auch darauf an, dass sowohl die Quantität (also der Umfang) als auch die Qualität der Sprachnutzung einen großen Einfluss auf die Sprachkompetenz der Kinder haben. Das heißt: Erzieherinnen und Erzieher sind gefordert ausgiebig und umfangreich in sprachlichen Kontakt mit den Kindern zu kommen. Dabei müssen sie auch darauf achten, dass ihre Sprache reich an Wörtern und möglichst korrekt auf der grammatischen Ebene ist. Gerade für Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache sind die pädagogischen Fachkräfte oft die einzigen deutsch-sprechenden Kommunikationspartner.

Strukturierter Tagesablauf auf Bildern

Rituale und fest definierte Abläufe strukturieren den Kita-Alltag. Für Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse sind diese Strukturen wichtig, um auch „ohne Sprache“ folgen zu können. Zudem sollte der Tagesablauf grafisch dargestellt werden. So haben die Kinder eine Möglichkeit, auch mit den Eltern über die Abläufe sprechen zu können.

Hier einige hilfreiche Beispiele.

  • Selbst fotografierte Bilder zu alltäglichen Situationen an der Wand auf Augenhöhe der Kinder.
  • Fotos und Namen aller Kinder, Erzieherinnen und Erzieher und anderer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kita, so kann das Kind Bezug nehmen, auch wenn es sich den Namen noch nicht gemerkt hat oder diesen noch nicht aussprechen kann.
  • In (teil-)offenen Einrichtungen können auch die verschiedenen Funktionsräume auf Bildern festgehalten werden – so haben die Kinder eine Chance, ihre Wahl nonverbal mitzuteilen.
  • Beliebte Lieder oder Spiele können als Piktogramm oder Bild (vielleicht sogar von den älteren Kindern selbst gemalt) dargestellt werden – so können auch Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse ein Lied/Spiel für den Morgenkreis auswählen . (Daneben wären auch Gegenstände möglich, die das Lied/Spiel symbolisieren.)

Übrigens: Trotz der bildlichen Darstellung sollten Sie die verschiedenen Abläufe und Wahlmöglichkeiten immer wieder auch sprachlich begleiten, nur so kann das Kind seinen Wortschatz erweitern und seine gelernten Worte mit „semantischem Inhalt“ – also mit Wortbedeutungen – füllen.

Wiederkehrende Situationen sprachlich nutzen

Tag für Tag ergeben sich wiederkehrende Handlungsroutinen, die sprachlich untermalt sind, zum Beispiel beim Begrüßen, wenn Kinder sagen, wie sie fühlen, wenn sie um etwas bitten oder nach etwas fragen möchten. Diese sprachlichen Redewendungen/Floskeln werden in der Regel schnell von Kindern verstanden – insbesondere dann, wenn Sie die Redewendung in Lied- oder Versform rhythmisch oder auch mit Gesten begleiten. Kinder üben diese Redewendungen danach häufig in Rollenspielen alleine für sich oder gemeinsam mit ein oder zwei anderen Kindern.

Hierzu zählen zum Beispiel:

  • Begrüßungslieder (gerne auch mehrsprachig, bitten Sie die Eltern um Mithilfe)
  • Abzählreime
  • Vorstellreime
  • Bilder zu Stimmungen und Gefühlen („Ich bin heute glücklich“, „Ich bin heute traurig“)
  • Bildkarten zum Wetter („Heute ist es warm.“, „Die Sonne scheint.“, „Es ist wolkig.“) und zur Jahreszeit

Das-bin-ich-Bücher

Vielen Kindern hilft es, ein (selbstgemachtes) Heft oder Büchlein mit Bildern von sich und seiner Familie zu haben. Aber denken Sie bitte daran, dass einige Familien, z. B. Familien mit Fluchterfahrung, eventuell keine Fotos und Aufnahmen mitbringen konnten. Wenn es möglich ist, sollte auch für diese Kinder ein Büchlein gestaltet werden, eventuell mit ausgedruckten Handyaufnahmen. Auch Bilder
von religiösen oder kulturellen Festen, von den familiären Feier oder von den Lieblingsspeisen der Kinder sollten Platz in diesem Büchlein
finden. Jedes Bild spendet Trost, wenn Mama zu sehr fehlt und bietet zudem diverse Sprechanlässe für Dialoge und den Ausgangspunkt für Monologe.

Krabbel-und Fingerspiele

Krabbel- und Fingerspiele werden seit Generationen überliefert und verbinden Sprache und Rhythmus mit der dazugehörigen Bewegung.

Krabbelspiele

Bei Krabbelspielen bewegt der Erwachsene seine Finger am Körper des Kindes entlang und spricht langsam, oft mit ganz besonderer Betonung, einen kleinen Spruch. Krabbelspiele enden meist in einer besonderen Aktion oder Pointe wie Kitzeln, Kneifen oder Zupfen. Schon mit ganz kleinen Kindern sollten Krabbelspiele durchgeführt werden, denn die liebevolle Zuwendung und sanfte körperliche Berührung fördern den Aufbau der Beziehung.

Bereits nach wenigen Wiederholungen erkennen selbst kleine Kinder den Reim wieder und warten mit Spannung auf das Ende.

Fingerspiele

Fingerspiele faszinieren Kinder, denn sie lieben Wiederholungen und ritualisierte Handlungen. Durch die Vertrautheit und Vorhersagbarkeit geben sie ihnen Sicherheit und Zuversicht. Fingerspiele fördern neben Wortschatz und Rhythmusgefühl auch die Feinmotorik der Kinder. Besonders viel Spaß machen Fingerspiele, die zusätzlichen Anlass zum Verstellen der Stimme, zum Lauter- und Leisersprechen oder auch zum immer schneller werden ermuntern.

Fragen und Dialoge

Spracherwerb vollzieht sich immer in bedeutungsvollen Dialogen! Diese Dialoge sind durch eine wechselseitige Bezogenheit gekennzeichnet. Das heißt, die Dialogpartner nehmen abwechselnd mal die Sprecher- und dann wieder die Zuhörerrolle ein. Die Fähigkeit, an diesen (sprachlichen) Austauschprozessen teilzunehmen und diese aktiv einzufordern, besitzen schon sehr kleine Kinder mit wenigen Monaten. Bevor Kinder sprechen können, lieben sie es ihre Eltern mit Lall-Ketten und brrr-Lauten zum Nachahmen und Mitmachen zu bekommen. So entstehen zeitlich aufeinander abgestimmte, Kommunikationsformen als Vorläufer für spätere sprachliche Dialoge. Diese sind emotional positiv belegt und sowohl für die Sprachentwicklung als auch für die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes bedeutsam.

Für Kinder ist es sehr wichtig, dass ihre Signale wahrgenommen werden und dass angemessen auf sie reagiert wird. Dialogsituationen beflügeln die kindliche Sprachentwicklung. Mit Hilfe unterstützender Verhaltensweisen der erwachsenen Gesprächspartner verfeinern Kinder allmählich ihre kommunikativen und diskursiven Fähigkeiten, sie erweitern und vertiefen den Wortschatz und lernen grammatische Regeln kennen und anzuwenden.

Beispiel: Hosentaschendialoge

Auch kurze Dialoge können intensiv und reichhaltig sein. Haben Sie keine Angst, dass ein Dialog lange andauern muss. Vielmehr geht es um Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, die das Kind in der Zeit des Dialoges spüren sollte. Solche intensiven Dialogsituationen ergeben sich häufig am Tag. Achten Sie darauf, dass Sie diese Sprachangebote nutzen.

Dies geht in der Regel ganz einfach und Sie tun dies sicher bereits ganz automatisch, indem Sie beispielsweise Forscherfragen („Was denkst du, warum …?“) und/oder Spekulierfragen („Was wäre, wenn …?“) stellen. Seien Sie also ganz im Sinne der Sendung mit der Maus unterwegs.

Nutzen Sie dazu gerne die sogenannten Hosentaschendialoge, die eine gute Hilfe und Unterstützung für solche Sprachangebote darstellen. Es gibt hierbei ganze Fragesätze zu den Themenbereichen: Buddeln, Anziehen, Spazieren, Essen und Waschen.

Bildquelle: © Lordn | shutterstock.com